12.09.2009
11:06

Buchstaben als Kunstwerke

Rätselhaftes, das bleiben soll

Begeisternder Workshop von Ute Andresen beim Grundschulkongress in Frankfurt. Die Pädagogin zeigt, wie viel Lernaufwand im Schreibenlernen steckt, wie viel Anmut und Fleiß es erfordert, die kinetische Melodie des Schreibens sich anzueignen - und wie viel kreatives Potenzial dazu gehört.

"Das Kind, das einem gegenübertritt", sagt Andresen, "hat immer etwas Rätselhaftes - von dem es auch etwas behalten soll."

Andresen sieht einen Dialog zwischen drei Beteiligten: Dem Kind, dem Lehrer - und dem Gegenstand. Sie sagt: Die Beziehung zwischen Lehrer und Gegenstand hält sie für gestört. Denn es gebe heute viele vorgefertigte Arbeitsblätter im Unterricht, die dem Kind zeigen: Das interessiert den Lehrer nicht. Diese Arbeitsblätter sind, sagt Andresen, so etwas wie Fertiggerichte.

"Die Lehrerin wird angesehen als eine Art pädagogische Mikrowelle, die das Fertiggericht für die Kinder heiß macht. Am inspirierendsten ist aber der Text, bei dem die Kinder sehen: Den hat unsere Lehrerin für uns gemacht."

Andresen hat einen sehr genauen Blick auf das Kind. Sie sagt, "wenn man Lehrerin ist, darf man nie vergessen, dass es Kinder in der Klasse gibt, für die ihre innersten Vorgänge oberste Priorität haben."

Das Schreibenlernen hat für sie eine große Bedeutung - ästhetisch, kongnitiv und erzieherisch. "Jeder Buchstabe, der mir schön aus der Hand fließt, ist ein Kunststückchen, das ich beherrsche."

"Es kommen zusehends Kinder in die Schule, die den Stift falsch halten oder die Buchstaben falsch schreiben." Das sei erstens sehr schwer zu korrigieren und es sei zweitens immer mit einer Kränkung verbunden.

Andresen sieht das Schreibenlernen als ein absolut fundamentalen Lernvorgang an - der am besten durch gemeinsames Lernen eingeübt wird. Das Kind solle das lieber nicht für sich lernen. Warum? Weil es wichtig ist, das motorisch Muster für das Schreiben bei den Kindern von Anfang an richtig zu verankern. "Denn wenn ich ein motorisches Muster gelernt habe, dann sitzt das."

Es geht um die Eleganz und die Geschwindikeit des Schreibens. Zunächst muss etwas elegant sein. Dann kann es auch schneller werden. "Das große Problem, besonders bei Buben ist, dass sie zu hastig schreiben."

Das interessante und auch streitige an Andresens Workshop: Ihre Auffassung von Lernprozessen, "die nicht als anders als frontal zu bezeichnen sind" und dem individuellen Lernen - dem sie an bestimmten Stellen skeptisch gegenübersteht.

Das bedeutet: Die Frage, was individuelles Lernen darstellt, ist selbst unter Pädagogen nicht wirklich fest umrissen.

Kongress wird fortgesetzt.

 

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